„Auch wir können von den Jugendlichen lernen!“
Nach zweiwöchiger Jugend-Chorreise durch Deutschland mit dem Konzert-Höhepunkt in Bensheim spricht Masifunde-Gründer Jonas Schumacher über bewegende Begegnungen, seine Verbindung zu Bensheim und das, was ihn nach fast 20 Jahren in Südafrika antreibt.
Herr Schumacher, was hat die Chorreise durch Deutschland bei den Jugendlichen aus Südafrika bewirkt?
Die Tour war ein enormer Schub fürs Selbstvertrauen. Die Jugendlichen kamen unglaublich stolz zurück: darauf, die Reise gemeistert zu haben, überall herzlich aufgenommen worden zu sein und bei jedem Konzert Standing Ovations erhalten zu haben. Das wird sie wohl ihr Leben lang begleiten. Genauso wie auch so besondere Momente wie der Abend beim Bensheimer Bürgerfest, als sie bei einem Rico-Bravo-Konzert landeten und zu deutschem Schlager tanzten.
Besonders beeindruckt hat sie die Sicherheit. Abends im Dunkeln unterwegs zu sein und mit vielen Menschen friedlich zu feiern, war für viele eine neue Erfahrung.
Mindestens genauso prägend waren die Gastfamilien. Dort lernten sie den Alltag in Deutschland kennen und erfuhren, dass auch hier Sorgen und Herausforderungen dazugehören. Solche Begegnungen erweitern den Horizont und helfen, die Lebensrealität anderer besser zu verstehen.

Gab es für Sie persönlich einen besonderen Moment?
Ganz klar das Konzert in Bensheim. Mit Manfred Hein, Markus Detterbeck, Sabine Wulf, ehemaligen Sängerinnen und Sängern der AKG-Jugendchöre und unseren Jugendlichen aus Walmer Township auf einer Bühne zu stehen: Da hat sich für mich ein Kreis geschlossen. Am Ende sang sogar meine Familie mit, während Freunde und meine eigenen Kinder in Südafrika über YouTube zuschauten.
Vor fast drei Jahrzehnten begann durch den AKG-Jugendchor eine Geschichte, die bis heute anhält. Trotz mehr als 10.000 Kilometern Entfernung ist die Verbindung nach Bensheim außergewöhnlich eng. Viele Menschen begleiten Masifunde seit Jahren, manche seit den ersten Tagen. Dafür bin ich unglaublich dankbar.
Warum sind solche Begegnungen auch für Deutschland wichtig?
Weil Austausch in beide Richtungen funktioniert. Aus der Ferne entsteht manchmal der Eindruck, Deutschland sei vor allem von Sorgen und Pessimismus geprägt. Auf unserer Reise haben wir ein offenes, gastfreundliches und sehr engagiertes Land erlebt.
Unsere Jugendlichen bringen ihrerseits eine Haltung mit, von der wir lernen können. Sie wachsen unter schwierigsten Bedingungen auf und glauben trotzdem daran, ihr Leben gestalten zu können. Optimismus hängt eben nicht vom Kontostand ab.
Deshalb ermöglichen wir auch jungen Menschen aus Deutschland Begegnungen in Südafrika, so wie der AKG-Jugendchor mir diese Erfahrung 1998 ermöglicht hat. Wer Zeit mit den Menschen in Walmer Township verbringt, bekommt einen anderen Blick auf die Welt und oft auch auf die eigenen Möglichkeiten.
Welche Rolle spielt der Chor in Ihrer Bildungsarbeit, und was macht Masifunde heute?
Musik ist ein Türöffner. Im Chor erleben Jugendliche, was sie gemeinsam erreichen können, entwickeln Selbstvertrauen und übernehmen Verantwortung.
Heute begleiten wir Kinder und Jugendliche vom Kindergarten bis ins Berufsleben. Wir verbinden schulische Förderung mit Musik, Kunst, Theater und Sozialarbeit. Außerdem bilden wir Erzieherinnen aus und unterstützen Schulen bei ihrer Entwicklung.
Ein weiterer Schwerpunkt sind berufliche Perspektiven für arbeitslose Jugendliche. Weil es schlicht zu wenige Arbeitsplätze gibt, helfen wir ihnen auch, eigene Unternehmen aufzubauen. Unser Ziel sind Strukturen, die langfristig Chancen eröffnen.
Elke Büdenbender hat Masifunde zuletzt beim masifunde Charity Dinner unterstützt. Wie entstand die Verbindung zu ihr und Frank-Walter Steinmeier?
Über Brigitte Zypries. Die ehemalige Bundesjustizministerin gehörte zu den Ersten, die an Masifunde glaubten. Sie ermutigte mich damals, einen gemeinnützigen Verein zu gründen, und wurde unsere Schirmherrin. Durch sie wurden auch Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender auf uns aufmerksam. Beide begleiten unsere Arbeit bis heute.
Diese langjährige Unterstützung gibt uns Rückhalt und schafft Vertrauen. Und manchmal öffnen sich dadurch Türen, die einem Bensemer Bubb wie mir sonst wohl verschlossen geblieben wären.

Welche Herausforderungen beschäftigen Sie derzeit besonders?
Wir spüren, dass sich Prioritäten rasant verschieben, Entwicklungsgelder zurückgehen und viele Menschen angesichts der wirtschaftlichen Lage zurückhaltender spenden. Gleichzeitig wächst der Bedarf. In Südafrika kämpfen viele Familien mit Arbeitslosigkeit und gestiegenen Lebenshaltungskosten. Bildung bleibt daher der entscheidende Weg, Armut zu überwinden.
Ich wünsche mir, dass Solidarität auch künftig nicht an Landesgrenzen endet. Natürlich gibt es in Deutschland große Herausforderungen, und wer sich hier engagiert, verdient natürlich Anerkennung. Zugleich kann schon ein kleiner regelmäßiger Beitrag für unsere Arbeit viel bewirken. Solche Spenden geben uns Planungssicherheit, damit wir Kinder verlässlich über Jahre begleiten können.

Was motiviert Sie persönlich nach all den Jahren noch?
Die Arbeit kostet Kraft. Wer täglich mit Armut, Kriminalität und Hoffnungslosigkeit konfrontiert wird, nimmt das oft auch mit nach Hause. Mit meinem Team trage ich Verantwortung für viele hundert Kinder, ihre Familien, rund 60 Mitarbeitende und mehr als 100 Auszubildende. Da gibt es durchaus schlaflose Nächte – gerade in den derzeit schwierigen Zeiten.
Was mich immer wieder motiviert, sind die Jugendlichen. Wer das Konzert in Bensheim erlebt hat, konnte ihre Energie spüren. Wenn ich sehe, wie junge Menschen aus schwierigsten Verhältnissen beginnen, an ihre Zukunft zu glauben, Verantwortung für sich und auch für andere zu übernehmen und ihren eigenen Weg gehen, dann weiß ich wieder, warum sich unser Einsatz lohnt.
Mehr zu masifunde auf: www.masifunde.de



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