07.04.2020

Corona Situation in Walmer Township und Südafrika

Südafrikas Präsident, Cyril Ramaphosa, wird weltweit für sein konsequentes Durchgreifen in der Corona-Krise gelobt. Noch vor dem ersten Todesfall und bei weit unter tausend Fällen rief er den nationalen Ausnahmezustand für drei – mittlerweile verlängert auf fünf – Wochen aus, die Schulen hatte er bereits Tage zuvor geschlossen und zu sozialer Distanzierung aufgerufen.

Die große Sorge war und ist weiterhin, wie Covid-19 vor allem in den Townships wüten würde. Ein Großteil der Menschen lebt dort in einfachsten Verhältnissen, in notdürftig zusammen gebauten Hütten aus Blech und Holz, unter mangelhaften Hygienezuständen ohne Abwasser und fließend Wasser. Soziale Distanzierung und Selbstquarantäne mit vier bis zehn Personen in einer Blechhütte, die sich in der Sonne erhitzt wie ein Ofen; mit einem Wasserhahn auf der Straße, den man sich mit mehreren hundert Menschen teilt? Nur sehr schwer umsetzbar.

Zudem stellen sich die Risikogruppen in Townships anders dar als das in Gesellschaften des globalen Nordens der Fall ist. In Südafrika weisen viele Menschen jeden Alters ernste Vorerkrankungen wie zum Beispiel Diabetes oder die weit verbreitete Lungenkrankheit Tuberkulose auf. Die HIV-Infektionsrate liegt in der Gruppe der 15- bis 49-Jährigen bei 19%.

Politiker*innen sprechen von einem möglichen Flächenbrand, den das Land nicht bewältigen könnte. Das nationale Gesundheitssystem ist schon heute überlastet, schlecht ausgestattet und personell unterbesetzt. Je nach Quelle, gibt es in den Krankenhäusern der Nelson Mandela Bay in der sich auch Port Elizabeth und Walmer Township befinden, für 1.15 Millionen Menschen nur knapp über 100 Intensiv-Betten und 30 Beatmungsgeräte. Um mit einer möglichen Erkrankungswelle fertig zu werden, baut der Staat daher bereits Zelt- und Container-Städte in den Metropolen des Landes. Insgesamt 3.000 Hektar wurden für solche Lager bestimmt, 400.000 Zelte und Container sollen hier für Kranke zur Behandlung oder Quarantäne bereitgestellt werden.

Mit diesen Szenarien vor Augen, ist verständlich, wieso die Regierung mit einer solchen Schnelligkeit und Konsequenz das Land in den Lockdown beordert hat und wieso die Armee in den Kriegszustand berufen wurde und mit Härte versucht, die Lockdown-Vorgaben in der Gesellschaft umzusetzen. Bei den gegebenen Rahmenbedingungen scheint es das Ziel zu sein, nicht nur die Kurve ab zu flachen und Zeit zu gewinnen, sondern soweit möglich die Kurve zu stoppen bevor es zu spät ist. Jeder identifizierte Fall wird daher sofort isoliert und im Umkreis der Person wird weitflächig getestet. Erfreulicherweise sind die Zuwachsraten positiv Getesteter seit Tagen stagniert. Mitte April sind weiterhin weniger als 2.000 Fällen Corona-Positiver bekannt, davon allerdings auch Fälle in vier Townships in Port Elizabeth.

Während der Staat mit allen Mitteln gegen die Verbreitung des Corona-Virus ankämpft, um eine Katastrophe zu vermeiden, stellt sich die Situation für einen Großteil der Bevölkerung bereits während des Lockdowns sehr schwierig dar. Viele Menschen in den Townships verfolgen Tagelöhner Jobs und stehen genauso wie viele Angestellte zurzeit ohne jegliches Einkommen da. Selbst große multinationale Konzerne haben ihre Mitarbeiter*innen in unbezahlten Urlaub geschickt. Ohne Rücklagen und Einkommen sind viele Familien mittlerweile in einer ernsten wirtschaftlichen Notlage und wissen nicht, wo sie die nächste Mahlzeit herbekommen sollen.

Der Verkauf von Alkohol und Zigaretten ist konsequenterweise während des Lockdowns verboten und so sitzen viele Familien nicht nur hungrig auf engem Raum, sondern viele müssen dabei noch mit Familienmitgliedern unter kaltem Entzug umzugehen wissen. Die häusliche Situation in oftmals bereits im Vorfeld dysfunktionalen Familien ist daher zurzeit für viele – und vor allem für Kinder und Jugendliche – traumatisierend.

Sozialarbeiter*innen sind im Einsatz, Telefon-Hotlines stehen zur Verfügung, und Kirchen und Hilfsorganisationen gleichermaßen versuchen Familien ihrer existierenden Netzwerke mit Essenspaketen oder mit Finanz-Spritzen durch die Lockdown-Phase zu helfen.

Noch eins-zwei Wochen Lockdown, das schafft Südafrika! Noch ist es ruhig. Die meisten Südafrikaner*innen ziehen mit, fühlen sich bei Präsident Ramaphosa und der Regierung in guten Händen, und befürworten den Lockdown und dessen Umsetzung. Nur vereinzelt hört man von Plünderungen kleiner Geschäfte, von Übergriffen oder Machtmissbrauch von Armee und Polizei, oder von Protesten in den Townships.

Sollte der Lockdown allerdings längere Zeit anhalten, könnten die Townships auch schnell zum Herd gesellschaftlicher Unruhen werden. Die Frustration war schon vor der Corona-Krise hoch. Und je länger der Lockdown anhält, desto größer die wirtschaftlichen Schäden. Unternehmenspleiten, Massenarbeitslosigkeit, Armut, eine Armee im Kriegszustand im eigenen Land, sollte es dann noch zu einem gesundheitlichen Flächenbrand durch Covid-19 kommen, könnte die Stimmung schnell sehr dramatisch kippen.

Aber soweit muss und wird es hoffentlich nicht kommen. Südafrika ist bekannt dafür, größte Krisen gemeinsam zu überstehen. Viele sehen in der Corona-Krise auch eine Chance. Erstmalig seit langer Zeit blicken die meisten Südafrikaner*innen mit einem gewissen Stolz auf die politische Führung, die Solidarität und der Zusammenhalt wirken zurzeit größer denn je. Und viele Südafrikaner*innen der privilegierten Mittel- und Oberschicht, die sich natürlich umfassend mit Lebensmitteln und Toilettenpapier eingedeckt haben, verschanzen sich nicht nur in ihrer oftmals realitätsfernen Blase, sondern leisten einen Beitrag über Kirchengemeinden und Organisationen, die Not in den Townships zu lindern.

Und selbst Positives gibt es zu berichten, so sind die Kriminalitätsstatistiken zurzeit deutlich unter dem Vorjahresvergleich: die Mordrate ist über 70 %, die Einbruchsrate sogar über 75% niedriger. Aufgrund des Alkoholverbots sind die an Wochenenden sonst gewöhnlich überfüllten Notaufnahmen in den Krankenhäusern ruhig. Hier wird es nach überstandener Krise sicherlich Lektionen für Südafrikas Gesellschaft geben, die in die Post-Corona Zeit übertragen werden können.

Die kommenden Wochen werden Aufschluss geben, in welche Richtung sich Südafrika entwickeln wird. Wir werden Sie hier regelmäßig auf dem Laufenden halten. Zudem informieren wir Sie in einem separaten Artikel, wie unser Masifunde Team in Walmer Township unseren Schüler*innen und deren Familien helfend zur Seite steht.

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Autor*in

Jonas Schumacher
Geschäftsführer

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