26.03.2021

#2 Fast dabei bei unserer Multischulung - Kritisches Weißsein

Hautfarben als soziale Konstrukte - ein ziemlich sensibles Thema. Als weiße* Menschen, die niemals von Rassismus betroffen sein werden, ist das “Kritische Weißsein” ein guter Weg, um zu reflektieren, welche Privilegien man als Weiße:r hat und warum und was das mit Rassismus zu tun haben kann. So kann man für BIPoC ein:e Verbündete:r sein. Im März war genau das Thema beim dritten Seminar unserer Masifunde-Multiplikator:innenschulung.

Dieses Seminar war etwas anders als die letzten beiden, denn es fand in zwei separaten digitalen Räumen statt. Für all diejenigen, die sich als Black, Indigenous oder People of Colour (BIPoC) identifizieren, leitete Josephine Akinyosoye einen Empowerment-Raum, für alle, die sich als weiß identifizieren, gab es einen Raum für die Auseinandersetzung mit Kritischem Weißsein. Zuordnen konnten sich alle ganz individuell. Ich bin weiß, deswegen kann ich euch nur in den Raum für Kritisches Weißsein mitnehmen. Wenn ich in diesem Text von wir und uns spreche, dann meine ich die weißen Teilnehmer:innen, die dabei waren, aber in einem größeren Kontext teilweise auch all diejenigen sich als weiß identifizieren und/oder als weiß gelesen werden. Geleitet wurde der Raum von Hanna Christian, Bildungsreferentin zu den Themen Diversität und Intersektionalität. In diesem digitalen Raum hat sich die große Mehrheit der Teilnehmer:innen wiedergefunden.

Zuerst haben wir uns darüber ausgetauscht, inwieweit wir uns schon mit dem Thema kritisch auseinandergesetzt haben. Dabei hat sich gezeigt, dass die meisten von uns das schon auf die ein oder andere Weise getan haben. Angeleitet in Workshops oder selbstständig durch das Lesen von Büchern zu der Thematik oder im Austausch mit BIPoC. Ich persönlich hatte mich bisher auch nur selbstständig mit dem Thema auseinandergesetzt. Für eine Folge unseres Podcasts Global Gedacht! über Kritisches Weißsein, habe ich dazu recherchiert. Außerdem habe ich Alice Hasters’ Buch “Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten” gelesen und in den sozialen Medien viele Beiträge von Aktivist:innen gelesen, um Standpunkte von BIPoC zu verstehen. Das kann ein guter Start sein, aber wenn man sich tiefer damit auseinandersetzen möchte und wirklich anfangen will sich selbst zu reflektieren, ist die Erfahrung eines angeleiteten Workshops und der Austausch mit anderen Weißen, besonders wertvoll.

Es gab keinen langen theoretischen Input, vielmehr hat Hanna Christian uns mit verschiedenen Fragen viel Raum zum gegenseitigen Austausch eingeräumt. Eine Sache hat sie uns jedoch anfangs mitgegeben: Wichtig sei es, das eigene Weißsein nicht als Zustand, sondern als Prozess zu verstehen, sodass man sich immer bewusster werde, was damit zusammenhängt.

Bei einem Brainstorming zur Frage “Was wisst ihr über das Weißsein?” fiel das Wort Privilegien sehr oft - da schienen sich viele von uns ganz einig zu sein.
Ein Gedanke ist mir aber besonders im Gedächtnis geblieben, weil er für mich persönlich ganz neu war: Unser Weißsein macht uns angenehm unsichtbar. Denn wir sind die scheinbare Norm, wir sind unauffällig, weil weiß; mit unserer Hautfarbe werden nicht direkt die verschiedensten Stereotype in Verbindung gebracht. Menschen werden als weiß gelesen oder auch nicht. Von dieser Fremdwahrnehmung hängen ihre Chancen und Privilegien ab. Weiß ist damit eine politische Kategorie.

Dann sollten wir in uns gehen und überlegen, wann wir das erste Mal festgestellt haben, dass wir weiß sind. Manche haben sich getraut, ihre Geschichte zu teilen. Da das aber etwas ganz persönliches war, werde ich davon nichts weitergeben. Nur so viel: die Teilnehmenden haben ihre Hautfarbe und die damit verbundenen Realitäten in ganz unterschiedlichen Lebensabschnitten wahrgenommen. Bei vielen war das bei einem Freiwilligendienst im Globalen Süden. Bei anderen noch im Kindesalter und bei wieder anderen war es viel später im Leben. Mir fiel beim Zuhören und beim Nachdenken über meine eigenen Erfahrungen auf, dass das Bewusstsein über das Weißsein oft entweder in der Beobachtung von Diskriminierung von BIPoC oder in der Auseinandersetzung mit ihnen entstand.

Am Ende kamen wir nochmal mit den Teilnehmer:innen zusammen, die sich im Empowerment-Raum ausgetauscht haben. Gemeinsam haben wir überlegt, wie wir damit umgehen können, dass wir uns nicht immer und überall unserer Rassismen bewusst sind, auch wenn wir versuchen anti-rassistisch zu handeln. Dabei kam der Ansatz auf, sich auch immer wieder, so wie wir es gemacht haben, mit anderen Weißen darüber auszutauschen, um unsere Erfahrungen gegenseitig zu reflektieren. Lesen und kritische Podcasts hören war auch eine Idee, natürlich am besten immer verbunden mit dem Austausch mit von Rassismus betroffenen Menschen. Und: Den tiefen Glauben behalten, dass Menschen sich ändern können und sich Fehltritte verzeihen, solange man versucht sensibel zu sein und sich Kritisches Weißsein immer weiter bewusst zu machen. So kann dann vielleicht irgendwann das erreicht werden, was der Ansatz des Kritischen Weißseins anstrebt: ein diskriminierungs-sensibler Umgang miteinander in der Gesamtgesellschaft, um irgendwann echte Chancengleichheit zu kreieren.

* Wir schreiben weiß in diesem Text kursiv, um den Konstruktcharakter hervorzustellen.

Ihr möchtet weitere Informationen zu dem Thema Kritisches Weißsein? Hier haben wir einige Tipps zur individuellen Recherche und Auseinandersetzung:

Literatur:

Hasters, Alice (2019): Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten. Hanser Verlag.

Lück, Mitja Sabine und Stützel, Kevin (2009): “Zwischen Selbstreflexion und politischer Praxis. Weißsein in der antirassistischen Bildungsarbeit”, in: Mende, Janne; Müller, Stefan (Hg.): Emanzipation in der politischen Bildung. Theorien - Konzepte - Möglichkeiten, Schwalbach/Taunus: Wochenschau Verlag, S. 330-353.

Podcasts:

Tupodcast: Tupoka Ogette ist Anti-Rassismustrainerin, Aktivistin und Autorin des Buchs "Exit Racism". In ihrem Podcast lädt sie jede Folge schwarze Frauen aus den unterschiedlichsten Bereichen der Gesellschaft ein. Gemeinsam sprechen sie über schwarze Lebensrealitäten in Deutschland.

Parallel dazu - Podcast: Parallel dazu ist eine Community von BPoC in Hamburg, die ihre Perspektiven auf gesellschaftliche Verhältnisse, politische Bedingungen und ihr Leben in ihrem Podcast hörbar machen und mit anderen teilen.

Global Gedacht!: Und hier findet ihr alle unsere Global Gedacht!-Folgen - auch die zum Thema Critical Whiteness.

Lest hier direkt weiter, was ich bei unserer letzten Multischulung über Kritische Entwicklungszusammenarbeit mitgenommen habe.

Die Multiplikator:innen-Schulung wird vom Katholischen Fonds, Brot für die Welt und von der Doris-Wuppermann-Stiftung gefördert.

Autor:in

Rebecca Herber
PR & Friendraising
rebecca.herber@masifunde.de

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