10.03.2021

#1 Fast dabei bei unserer Multischulung - Kritische Entwicklungszusammenarbeit

Corona hat auch unsere Multiplikator:innenschulung in die virtuelle Welt gezwungen und so ist im Januar die erste digitale “Multischulung” von Masifunde angelaufen. Bis August treffen sich rund zwanzig Motivierte einmal monatlich, um Input zu verschiedenen Themen des Globalen Lernens zu bekommen und sich mit anderen darüber auszutauschen. Darunter ich, Rebecca. Auf unserem Blog könnt ihr in Zukunft jeden Monat nachlesen, worum es ging und was ich mitgenommen habe, sodass ihr, ganz nach unserem Multiplikator:innen-Ansatz, von dem profitieren könnt, was in den Seminaren besprochen wurde.

In der ersten Sitzung der Schulung im Januar ging es zum Einstieg um ein erstes Kennenlernen und um das Verständnis von uns als Teilnehmer:innen von Globalem Lernen selbst. Eine Gruppe definierte es zum Beispiel so: „Globales Lernen bedeutet für uns unterschiedliche Perspektiven kennen zu lernen, diese theoretisch zu verinnerlichen, durch aktives Erleben zu erfahren und mit dem eigenen Handeln zu untermalen.“ Eine andere Gruppe reflektierte, dass es für Globales Lernen essentiell sei, die eigene eurozentrische Deutungshoheit abzulegen. Anders ausgedrückt: Menschen aus dem Globalen Norden dürfen nicht nur in Hinblick auf eigene Maßstäbe andere kulturelle und gesellschaftliche Gegebenheiten bewerten.

Mit dieser Verständnisgrundlage konnte es Ende Februar richtig losgehen. Das Thema des zweiten Abends: “Kritische Entwicklungszusammenarbeit”. Das ist natürlich spannend für Leute wie mich, die sich bei gemeinnützigen Organisationen engagieren. Außerdem habe ich nach dem Abitur einen Freiwilligendienst gemacht und mich auch im Auslandssemester bei Masifunde vor Ort in Gqeberha (ehemals Port Elizabeth) engagiert. Kritische Reflektion ist da essentiell. Aber auch für Leute, die im Bereich des Globalen Lernens arbeiten, ob ehrenamtlich oder hauptamtlich, sind kritische Perspektiven auf Entwicklungszusammenarbeit wichtig, damit man auch den Schüler:innen davon etwas mitgeben kann. Eleonora Roldán Mendívil, Trainerin für Nord-Süd-Freiwilligendienstler:innen, führte sympathisch und aufgeschlossen durch den Abend.

Eine gemeinsame Atemübung am Anfang sollte auf die Intensität des Themas vorbereiten. “Die Themen sind nichts Alltägliches und sind schwierig und können uns deshalb auch körperlich belasten”, erklärte Eleonora ihren Ansatz dahinter. Also, aufrichten, gerade sitzen, um mal aus der gebückten Haltung herauszukommen, die man im Home Office irgendwann unweigerlich einnimmt. Tief einatmen, die Augen schließen wenn man mag. Es fühlte sich nur im ersten Moment seltsam an, dann kommt tatsächlich Entspannung über mich und mein Kopf wird wacher. Zeit loszulegen.
Schon im Vorhinein sollten wir, die Teilnehmer:innen, sich mit Vorbereitungsmaterial auseinandersetzen: ein Beitrag über das Humboldt-Forum von der Satire-Sendung ZDF Neo Royale mit Jan Böhmermann und eine dreiteilige Arte-Doku über Kolonialismus (Link 1 - 4, siehe unten). Als Einstieg wurde dann in sogenannten Breakout-Sessions, also in separaten Videochats in Kleingruppen, reflektiert, was die Videos mit Entwicklung zu tun haben und welche kritischen Aspekte der Entwicklungszusammenarbeit sie schon andeuten.

Dabei kamen schon viele Ansätze auf: Zum Beispiel, dass Entwicklungszusammenarbeit dann problematisch sei, wenn dahinter immer noch ein belehrender Hintergrund steht. Wie der, der in der Dokumentation zum Ausdruck kommt und den Kolonialist:innen verfolgten. Oder, dass wir Menschen des Globalen Nordens, und damit die “Nachfahr:innen” der Kolonialist:innen, in einer privilegierten Situation sind, da wir entscheiden können ob und wann wir uns mit der Lebensrealität von Menschen in und aus ehemals kolonisierten Ländern auseinandersetzen wollen. Die ehemals Kolonisierten selbst, sind aber immer mit dieser Vergangenheit und ihrer weiter andauernden Konsequenzen konfrontiert. Für mich persönlich war das ein ganz neuer Denkanstoß, über den ich vorher einfach noch nie nachgedacht hatte.
Ein Konsens wurde aber recht deutlich: Konkret müsse man sich im Zusammenhang mit Entwicklungszusammenarbeit immer fragen, was man mit ihr erreichen möchte und welche Intentionen dahinter stehen.

Danach verlagerte sich die Diskussion auf ein digitales Brainstorming-Dokument. In Echtzeit konnten alle Teilnehmenden anonymisiert sehen, was die anderen unter dem Konzept der Entwicklung verstehen, es konnte kommentiert und erweitert werden. So entstand schnell eine lebhafte, stumme Diskussion, die am Ende vor allem zeigte, wie divers unsere Perspektiven auf Entwicklung sein können. Da war die ganz nüchterne Definition dabei, dass Entwicklung ein fortlaufender Prozess, eine Veränderung sei. Andere Beiträge waren direkt etwas wertender: “Die Idee von Entwicklung impliziert für mich Überlegenheit, weil suggeriert wird, dass ‘die anderen’ noch nicht so weit sind, wie ‘wir’ es sind.” Ein anderer Beitrag stellte folgende These auf “Aus Sicht des Westens häufig eigene Entwicklung als linear dargestellt” und widersprach damit einem anderen, der Entwicklung als “kreuz und quer” bezeichnet. Mit dieser Linearität würden “andere Realitäten bzw. wer/was/wie zu ‘Entwicklung’ beigetragen hat außer Acht” gelassen. Meine Erkenntnis aus dem Brainstorming: Die Perspektiven sind sehr unterschiedlich und das können sie auch ruhig sein, da Entwicklung ein so umfangreiches und diverses Konzept ist.

Zwei satirische Videos (Link 5 und 6, siehe unten) gaben anschließend den Anstoß zu einer kritischen Diskussion über Freiwilligendienste. Ein großes Thema für die Teilnehmenden des Seminars war vor allem die mangelnde Reziprozität, eine mangelnde Gegenseitigkeit also, die dahinter liegt. Wieso sollen so viel mehr junge Menschen des Globalen Nordens Erfahrungen in anderen Ländern sammeln können, im Vergleich zu denen, die die Möglichkeit bekommen, aus dem Globalen Süden in den Globalen Norden zu kommen. Da fehle es an Finanzierung für die Süd-Nord-Freiwilligen sowie am Abbau von bürokratischen Hürden, zum Beispiel durch eine vereinfachte Visavergabe. Kritisiert wurde auch die Darstellung der geleisteten “Hilfe” in sozialen Medien, die vor allem im Video “Who Wants To Be A Volunteer?” (Link 6, siehe unten) überspitzt dargestellt wird. Denn als Hilfe solle man den Freiwilligendienst auch gar nicht verstehen, sondern man müsse reflektieren, wem er im Endeffekt am meisten nutze, was nicht selten die Freiwilligen selbst seien.

Zum Abschluss des Seminars haben wir Teilnehmer:innen wieder anonym und mit Hilfe des digitalen Dokuments Ideen gesammelt, wie man das Erlernte in der Praxis umsetzen und nach außen tragen kann. Dabei ist es egal, ob man im Bereich des Globalen Lernens arbeitet oder nicht, die Erkenntnisse sind in verschiedene Lebenskontexte integrierbar. Ein Ansatz ist zum Beispiel, “immer die Ziele und Motive unseres Handelns zu reflektieren und mit der tatsächlichen Wirkung abzugleichen.” Wichtig sei es aber auch, “nicht nur unsere eigene Position zu reflektieren, sondern durch Austausch auch andere zu motivieren ihre Positionen zu reflektieren” sowie “die Stimme der Menschen aus dem Globalen Süden zu hören.” Eine:r der Teilnehmenden nahm sich ganz konkret vor, selbst aufzupassen “auf die Bilder, die ich in meinem Kopf habe und die ich durch meine Arbeit im Bildungsbereich nicht reproduzieren möchte und es höchstwahrscheinlich trotzdem manchmal tue.” Diese Ansätze der Selbstreflexion, des Austausches und des Weitertragens von Perspektiven und der kleinen Veränderungen an sich selbst, kamen immer wieder auf und bringen sicher auch Vorteile für alle kommenden Seminare. Um die Reflexion eigener Ausgangspunkte und Privilegien wird es auch in der nächsten Schulung Ende März gehen, dann geht es nämlich weiter mit dem Thema “Kritisches Weißsein”.

Ihr möchtet weitere Informationen zu dem Thema kritische Entwicklungszusammenarbeit? Hier haben wir einige Links zum tieferen Verständnis der Inhalte:

Das Humboldt Forum - Raubkunst in Berlin? | ZDF Magazin Royale, 17:09 Min.

Arte Doku - Entkolonisierung 1/3 – Lehrjahre, 52:59 Min.

Arte Doku - Entkolonisierung 2/3 – Befreiung, 53:11 Min.

Arte Doku - Entkolonisierung 3/3 - Die Welt gehört uns!, 54:09 Min.

Africa for Norway - New charity single out now!, 03:44 Min.

Who Wants To Be A Volunteer?, 03:59 Min.

Die Multiplikator:innen-Schulung wird vom Katholischen Fonds, Brot für die Welt und von der Doris-Wuppermann-Stiftung gefördert.

Autor:in

Rebecca Herber
PR & Friendraising
rebecca.herber@masifunde.de

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