01.08.2020

Weltwärts mal anders: Über Corona in Südafrika und das Helfen in Krisenzeiten

Leonie Schillig aus Uetersen hat einen weltwärts Freiwilligen-Dienst bei Masifunde in Walmer Township absolviert. Nachdem ihr Aufenthalt nach einem halben Jahr im Land Corona bedingt abgebrochen wurde, hat sie ihren Freiwilligendienst in den letzten Monaten in Deutschland zu Ende gebracht. In einem Gespräch Ende Juni mit Leiter und Mentor Jonas Schumacher blickte sie zurück auf die anbrechenden letzten Wochen ihres Dienstes.

Leonie: Hallo Jonas! Danke, dass du dir Zeit nimmst für dieses Gespräch. Jetzt bin ich bereits drei Monate zurück in Deutschland. Als ich ausflog, gab es in Südafrika nur 150 Erkrankungsfälle, während die Zahl der Infizierten in Deutschland schon bei über 21.000 lag. In Deutschland gab es verschärfte Maßnahmen, um die Krankheitskurve abzuflachen, was meine Rückkehr und das Einleben allerdings erschwerte. Innerhalb von vier Tagen wurden aus 12 Monaten Südafrika, 6 Monate. Der Abschied war viel zu schnell und viel zu kurz. Aber wie war es für euch in Südafrika? Wie ging es dir nachdem wir Freiwilligen das Land verlassen hatten?

Jonas: Dein Abschied und der deiner vier Mit-Freiwilligen ging einher mit der ungewissen Schulschließung und wenige Tage später einer achtwöchigen, strengen und vom Militär begleiteten Ausgangssperre. Das waren emotionale Tage für alle im Land und für uns im Team, euch überstürzt Lebwohl sagen zu müssen, nachdem ihr Teil unseres Teams geworden wart, war nicht einfach. Und natürlich hatten wir zu diesem Zeitpunkt alle Angst, wie die Bevölkerung auf den südafrikanischen Lockdown reagieren würde. Es gab Horrorszenarien, die bürgerkriegsähnliche Szenarien prophezeiten, wenn Arbeitslosigkeit und Hunger zu groß und wenn der Virus sich wie ein Buschfeuer in den eng besiedelten Townships ausbreiten würde.

Leonie: Und jetzt einige Monate später: Welche Szenarien sind eingetreten?

Jonas: Südafrika meisterte den Lockdown überraschend stabil und es gelang, in den letzten Wochen das Gesundheitssystem auf einen flächendeckenden Ausbruch vorzubereiten, in dem zum Beispiel Fußball-Stadien in Quarantäne-Zentren und alte Fabrikhallen in temporäre Krankenhäuser umgewandelt wurden. Es kam nur punktuell zu Ausschreitungen und auch zu unverhältnismäßigem Einsatz des Militärs. Was aber wie prophezeit eintrat und immer noch vorherrscht ist die Armuts- und Hungerproblematik. Zigtausende Familien sind weiterhin ohne jegliches Einkommen und das meist ohne jegliche Rücklagen. Ein Großteil der Kinder in Südafrikas Townships wird normalerweise durch die Suppenküchen der Schulen verpflegt, das brach von einem auf den anderen Tag weg.

Leonie: Mit dem Lockdown wurden auch die Bildungsprogramme von Masifunde erst einmal pausiert. Was macht eine Bildungseinrichtung, wenn sich alles im Lockdown befindet?

Jonas: Zunächst beobachteten wir die Entwicklungen, um nicht in Aktionismus zu verfallen. Aber nach kurzer Zeit sahen wir, dass unsere Kinder und deren Familien Unterstützung benötigten. Unsere Sozialarbeiter*innen führten Seelsorge und Beratung durch, intervenierten bei häuslicher Gewalt und Missbrauch. Wir begannen wöchentlich Essenspakete zu verteilen, taten uns hierzu mit Partnerorganisationen zusammen und erreichten bis heute fast 50.000 Menschen mit Nahrungsmitteln, die sonst nichts zu essen gehabt hätten. Unsere Stärken sind aber kreative Bildungsarbeit und deshalb dauerte es nicht lange, bis unser Team eine eigene TV-Show für Kinder im Lokal-Fernsehen und eine vierzehntägig erscheinende kostenlose Zeitung mit Bildungsinhalten für alle Altersgruppen produzierte.

Leonie: Und aktuell?

Jonas: All das machen wir auch heute noch. Der Lockdown wurde zwar gelockert, Schulen haben punktuell mit Kleingruppen wieder geöffnet, Geschäfte und ein Großteil der Wirtschaft auch, aber die Infektionszahlen schießen jetzt erst in die Höhe – und das gefühlt ungebremst. Wie ergeht es Dir denn zurzeit und über die vergangenen Wochen?

Leonie: Als ich hier angekommen bin und ich fast täglich mit den anderen Freiwilligen telefoniert habe, um die Gefühle von Überrumpelung, Heimweh, Schmerz, Dankbarkeit und Trauer zu verarbeiten, ging es mir nicht besonders gut. Egal wie sehr ich versuchte die Dankbarkeit überwiegen zu lassen, begriff ich nicht, wieso wir gerade in so einer Krisenzeit nicht mithelfen, was verändern und unterstützen konnten. Ich habe mich deprimiert gefühlt Südafrika so zurücklassen zu müssen.

Jetzt sind drei Monate vergangen und es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an Südafrika, meine Kolleg*\innen und die Kinder im Township denke, dennoch geht es mir mittlerweile gut. Ich fühle mich angekommen, bin glücklich und überrascht davon, wie schnell man sich doch wieder einlebt.

Jonas: Wir haben hier eine sehr ähnliche Erfahrung gemacht. Die ersten zwei, drei Wochen im Lockdown mit strengem Hausarrest waren schwierig. Aber ab der dritten Woche hatte man sich an vieles – allerdings nicht alles – gewöhnt. Es ist schon faszinierend, wie anpassungsfähig wir Menschen sind. Wie schnell man das Fremde als das neue Normale annimmt, sieht man auch daran, dass es uns in Südafrika mittlerweile auffällt, wenn Menschen dicht zusammenstehen oder keine Maske tragen. Seit drei Monaten gilt hier strengste Maskenpflicht. Das war zu Beginn extrem befremdlich, mittlerweile fällt es einem auf, wenn jemand keine Maske trägt.

Leonie: Ich habe mich zu meiner eigenen Verwunderung zugegebenen Maßen auch sehr schnell an die Masken, die Sicherheitsabstände und die Warteschlangen gewöhnt, weshalb die Black Lives Matter Demonstrationen in Berlin beispielsweise, mit rund 50.000 Menschen, besonders surreal erschienen. Ich selbst war auch auf einer Demonstration und wusste trotz Maske nicht recht wie ich mit den Menschenmassen umgehen sollte. Jetzt zu sehen, dass der Corona Ausbruch in der nordrhein-westfälischen Fleischfabrik zu mehr als 2000 Infizierten geführt hat, vergegenwärtigt einem die Präsenz der Pandemie, die teilweise durch die Lockerungen zu schwinden beginnt. Aber zurück nach Südafrika: Wie bereitet sich Masifunde jetzt auf den Peak der Corona-Krise vor, wenn dieser, anders als bei uns in Deutschland, erst noch bevorsteht?

Jonas: Wir bereiten uns zum einen darauf vor, mehr Kinder und deren Familien im Township im Krankheitsfall zu unterstützen. Wir klären auf, wie man sich schützt, wie man sich verhält, wenn man erkrankt. Vor allem versuchen wir aber da zu sein, wenn Eltern in Quarantänezentren oder das Krankenhaus gebracht werden. Das ist für Kinder traumatisierend, geht mit Ängsten aber oftmals auch mit Stigmatisierung im sozialen Umfeld einher. Hierzu stellen wir weitere Sozialarbeiterinnen ein. Natürlich unterstützen wir weiter mit Essenspaketen, und Familien in Quarantäne bringen wir die Essenspakete nach Hause. Zudem versuchen wir unsere Partnerschulen im Township bei der phasenweisen Öffnung zu unterstützen. Die lokale Grundschule hat über 1.500 Schülerinnen und Schüler aber zurzeit nur knapp 30 Lehrkräfte. Die Schulleitung ist überfordert, einen Plan zu erstellen, wie diese Schülerinnen und Schüler ohne Ansteckungsgefahr wieder in die Schule zurückkehren können. Es fehlt an Klassenräumen und Personal, um in Kleingruppen zu arbeiten und Social Distancing durchzuführen. Zudem fehlt es an Schutzmaterial, wie Masken und Desinfektionsmitteln.

Leonie: Auch wenn wir nicht vor Ort sind, wie kann man das Masifunde Team unterstützen?

Jonas: Im Moment benötigen wir hier jeden Cent, um möglichst viele Menschen zunächst mit Essenspaketen durch die Krise zu helfen, aber auch, um den Menschen mit Seelsorge zur Seite zu stehen. Denn während unsere Bedarfe gerade exponentiell ansteigen, ist die finanzielle Situation für uns und andere Organisationen sehr angespannt, da viele Geldgeber ihre Mittel an bestimmte Programme gebunden haben, die wir zurzeit aufgrund des Lockdowns nicht durchführen können.

Leonie: Danke dir Jonas für die tiefen Einblicke. Ich möchte auch aus Deutschland helfen und hoffe, viele weitere schließen sich an.

Wenn auch Sie einen Beitrag leisten möchten, schauen Sie auf unserer Corona Kampagnenseite vorbei. Wir freuen uns über jede Unterstützung.

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