31.03.2020

Wenn Corona einen Strich durch die Rechnung macht

Rebecca Wirth ist eine der fünf weltwärts-Freiwilligen, die ab September 2019 ein Jahr bei Masifunde verbringen sollten. Jetzt ist sie wieder zuhause - die Coronapandemie hat ihre Pläne, wie die von so vielen anderen Menschen weltweit, durcheinandergebracht. Was das mit ihr gemacht hat und was sie trotzdem aus ihrer Zeit in Südafrika mitnimmt.

Am 16. September 2019 begann ich, mich zu verlieben. Langsam aber sicher verliebte ich mich in ein neues Land, in die Menschen dieses Landes, in die Energie dieses Landes, in meinen Alltag, in meine Arbeit und zuletzt in mich selbst.

Mein Name ist Rebecca und ich bin im September letzten Jahres nach meinem Abitur als weltwärts-Freiwillige nach Südafrika geflogen, um mein Lernjahr bei Masifunde im Walmer Township zu verbringen. Ich kam mit so vielen Erwartungen und Vorurteilen nach Südafrika, auch wenn ich sie nicht haben wollte. Und ich kehre mit so viel Klarheit und Wissen fürs Leben nach Deutschland zurück.

Ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch und habe mich über die letzten Jahre in der Schule mental und physisch sehr gestresst und mir nie Zeit für mich selbst genommen. Südafrika hat mich wieder lebendig gemacht und meine tief vergrabene Lebensfreude wieder aus mir heraus geholt. Und dafür bin ich dem Land, Masifunde und jeder Person, die über diese Zeit in mein Leben trat, unglaublich dankbar.

Masifunde hat in dieser Zeit am meisten zu meiner persönlichen Entwicklung beigetragen. Als ich in der Bibliothek der Walmer High School zu arbeiten begann, war ich voller Skepsis. Doch nach kurzer Zeit fing ich an, meine Denkweise zu ändern und ließ mich einfach darauf ein.
Und das fasst mein weltwärts-Jahr perfekt zusammen. Anstatt die Dinge negativ zu betrachten und mich zu beschweren, änderte ich meine Einstellung und sah alles aus einer neuen, positiven Perspektive. Die Bibliothek ist jetzt mein Lieblingsort und es gibt keine schönere Atmosphäre, als in den Pausen mit meinen Schüler*innen. Ich habe die Kinder sehr ins Herz geschlossen und viel von ihnen gelernt. Der Freiwilligendienst ist zwar immer ein Geben und Nehmen, ich konnte aber nie mehr geben als ich nehmen durfte.

Ich habe es geliebt, bei Masifunde zu arbeiten und habe jeden Tag genossen, denn kein Tag war gleich. Ich habe es geliebt, die Drittklässler*innen bei ihrer allerersten Schwimmstunde zu begleiten. Ich war glücklich und stolz, im Januar diesen Jahres mit zwei weiteren Gruppenleitern ein neues Programm zu planen und zu sehen, wie die Kinder es genießen und dabei lernen.

Während ich zu Beginn des Jahres noch reservierter auftrat, wandelte sich die anfängliche Schüchternheit sehr schnell in eine neue Offenheit, ein gesundes Selbstbewusstsein und positive Energie. Diese Entwicklung war so schnell und einfach möglich, da ich sofort in die Masifunde Familie aufgenommen wurde und mich direkt wohl gefühlt habe. Jeden Tag, wenn ich einen der drei Masifunde Arbeitsplätze betrat, wurde ich von einem lächelnden und herzlichen Gesicht begrüßt. Einige meiner Masifunde Kollegen gehören nun zu meinen engsten Vertrauten und sind Teil vieler schöner Erinnerungen.

Ich habe mich meiner Umwelt angepasst und bin nun eine lockere, flexiblere, glücklichere und leidenschaftlichere Person als zuvor. Ich habe mit der Zeit viel Energie und einen Antrieb in mir gefunden und war motiviert, meine eigenen Ideen und Projekte mit einzubringen. Es ist ein schönes Gefühl, sich morgens auf die Arbeit zu freuen und abends, zwar erschöpft aber zufrieden, nach Hause zu kommen.

Zu Beginn des neuen Jahres reflektierte ich für meinen ersten weltwärts-Bericht die vergangenen drei Monate. Danach wusste ich, dass ich noch länger in Südafrika bleiben wollte, dass ich noch so viel mehr lernen und aufsaugen wollte und, dass ich nach einem Jahr noch nicht bereit sein würde, nach Deutschland zurückzukehren. Eine weitere Sache, die ich in Südafrika gelernt habe, ist, dass man sich manchmal einfach trauen muss und auf seinen Bauch und sein Gefühl hören sollte. Sobald ich meine Entscheidung meinem Boss und Mentor Jonas Schumacher in unserem Garten ganz beiläufig mitteilte, wusste ich, dass es die richtige war.

An diesem Punkt kann ich nur sagen, dass einem das Leben doch immer irgendwie einen Strich durch die Rechnung ziehen kann, egal, wie gut es gerade läuft. Mein Strich in der Rechnung heißt Corona und bereitet gerade allen Menschen auf der Welt in verschiedener Intensität Probleme, Ängste und Schwierigkeiten. Als die Nachricht vom Auswärtigen Amt kam, dass wir zurück nach Deutschland müssen, ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Die letzten vier Tage in Walmer waren die gefühlsintensivsten Tage meines Lebens. Ich bin momentan eine Achterbahn voller Emotionen und unglaublich traurig, dass wir Freiwillige aus unserem Leben in Südafrika gerissen wurden.

Mir bricht es das Herz, dass ich mich nicht von den Kindern verabschieden konnte. Aber ich bin unfassbar dankbar für sechs Monate voller Glücksmomente, Lehrstunden, Erfahrungen, inspirierender Gespräche sowie Menschen und einen Ort, den ich nun mein Zuhause nenne. Die Entscheidung, ein weltwärts-Jahr zu machen, hat meine komplette Zukunftsperspektive und Wertvorstellung verändert.

Ich kann es nur jedem empfehlen, nach der Schule den Schritt in ein ungewisses, prägendes, abenteuerliches und wunderschönes Freiwilligenjahr zu wagen und global zu lernen. Wieder in Deutschland anzukommen, war schwer und verwirrend, aber ich möchte meine positive und energiegeladene Einstellung und Ausstrahlung hier nicht verlieren, deshalb lache ich viel. Außerdem werden wir durch das deutsche Masifunde Team und unsere Mentor*innen so gut betreut, dass man nicht in ein tiefes Loch fallen kann.

Ich bin in Gedanken in Walmer Township, in Port Elizabeth und in Südafrika und hoffe, dass das Virus dieses Land und die Menschen nicht zu sehr trifft. Besonders der Gedanke, im September nach Südafrika zurückzukehren und wieder bei Masifunde zu arbeiten, gibt mir viel Kraft.

Ich danke dir Südafrika. Du hast mir klar gemacht, dass mein Zuhause nicht dort sein muss, wo ich geboren bin, sondern dort, wo mein Herz ist. Und mein Herz versteckt sich momentan irgendwo in Walmer in einem orangenen Haus und wartet auf mich. Danke, dass du mir ein Zuhause gegeben hast. Ich kann unser Wiedersehen kaum erwarten. Enkosi kakhulu!

Helfen Sie Walmer Township in der Corona-Krise!
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Autor*in

Rebecca Wirth
Weltwärts-Freiwillige

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