03.04.2019

Menschenrechte – Rechte von Menschen für Menschen?

Ein Seminar für weltwärts-Rückkehrer*innen

Menschenrechte stehen jedem Menschen zu, weil er Mensch ist. Sie übersteigen Grenzen und lösen sich damit – anders als die Grundrechte – von jeglicher politischen Überzeugung staatlicher Herrschaft ab. Dieser Anspruch der Universalität der Menschenrechte ist ihr zentrales Wesensmerkmal, zeichnet sie aus und betont die Besonderheit des Mensch-Seins.
In diesem Anspruch liegt jedoch zugleich der Kern der Zerbrechlichkeit des Menschenrechtskonzeptes, sobald wir weiterfragen: Kann es bei aller Individualität, Subjektivität und Kulturalität dieselben Rechte für alle Menschen überhaupt geben? Und wer hat (oder nimmt sich) das Recht diese zu definieren? Und über was genau reden wir eigentlich, wenn wir über „die Menschenrechte“ reden?

Das Konzept der Menschenrechte erfährt in den letzten Jahren eine beeindruckend wachsende Aufmerksamkeit in der (non-formalen) politischen Bildung. Sobald es um die Gesellschaft, das Miteinander und unsere Werte geht, macht sich die Idee der Menschenrechte gut als Schirm, unter dem alles, was uns wichtig ist, subsummiert werden kann: Menschenrechte und Migration, Menschenrechte im Wirtschaftssystem, Menschenrechte in Europa. Dies ist zum einen eine positive Entwicklung, da die Beschäftigung mit und der Diskurs um Menschenrechte richtig und wichtig ist – gleichzeitig birgt es jedoch die Gefahr, das Wort inflationär zu nutzen und es mehr zu einer Worthülse verkommen zu lassen. Mit dem Wort „Menschenrechte“ in der Überschrift oder im Slogan einer Demonstration kann man derzeit gut und leicht zeigen, dass man auf der „richtigen“ Seite steht und nutzt damit seine starke Bedeutung im gesellschaftlichen Diskurs mehr aus, als dass man ihn voranbringt – denn oft sind wir uns nicht bewusst, was sich hinter der Idee der Menschenrechte verbirgt; und welches Meer an Geschichtlichkeit, Pluralismus und Komplexität sich uns eröffnet, sobald wir einmal genauer nachfragen: Was weiß ich (nicht) über Menschenrechte? Welche genauen Menschenrechte meine ich? Wer hat sie definiert? Wer kennt sie? Und für wen gelten sie wirklich?

An dieser Stelle einmal genauer hinzusehen, Menschenrechte nicht nur als Worthülse sondern als Diskussionsgegenstand zu begreifen und sich damit dem Meer an Komplexität des Menschenrechtskonzeptes zu stellen, war das Ziel des Masifunde-Seminars Menschenrechte – Rechte von Menschen für Menschen?, welches im Januar in Wiesbaden stattfand. Als Gruppe von 17 Menschen tauschten wir uns mit 17 unterschiedlichen Perspektiven über die Bedeutung der Menschenrechte für unseren Alltag aus. Wir erarbeiteten uns in ausgedehnten Stuhlkreisrunden unterschiedliche Blickwinkel auf das Konzept der Menschenrechte, stellten uns gegenseitig verschiedene Menschenrechtskonventionen der Welt vor und entdeckten darin Menschenbilder, die uns zum Teil nah und zum Teil auch sehr fern waren. Von vielen Erkenntnissen und neuen Blickwinkeln motiviert, stellten wir letztlich natürlich die Frage, welche Verantwortung und welche Rolle wir in Zukunft übernehmen möchten, wenn es in unserem Alltag um „die Menschenrechte“ geht.

Am Ende lässt sich festhalten: Wir haben das Meer gefunden, es war wirklich spannend, jedoch streckenweise auch anstrengend für Kopf und Bauch und viele Fragen sind offen geblieben – allerdings hat sich etwas wesentliches verändert: Wenn wir jetzt das kleine blaue Buch der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ in der Hand halten, kommen uns nicht nur Überschriften und Slogans in den Sinn: Sondern ein Gefühl dafür, wieviel Herzblut, Utopie, Widerspruch und Menschlichkeit in diesen Seiten stecken.

Autor*in

Lisa Hartke
Bildungsarbeit Deutschland

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