10.07.2018

Deutsch-Südafrikanische Wirtschaftsbeziehungen: Von Wein, Kohle und Platin

30 Teilnehmende diskutieren über Nachhaltigkeit in der Lieferkette, Arbeitsbedingungen und die Achtung von Menschenrechten.

Deutschland hat 2017 Kohle im Wert von mehr als 150 Millionen Euro aus Südafrika importiert (Quelle: Außenwirtschaftsportal Bayern). Südafrikanischer Wein fehlt heute in keinem deutschen Supermarktregal mehr. Diese und viele weitere Waren und Produkte bestimmen die wirtschaftlichen Beziehung zwischen Südafrika und Deutschland, aber unter welchen Bedingungen werden sie in Südafrika gewonnen und hergestellt? Ist es überhaupt sinnvoll, Güter so weit über den Erdball zu transportieren? Wie müssen wir unsere globalen Handelsbeziehungen und unser persönliches Konsumverhalten gestalten?

Masifunde hat zu Beginn des Jahres zusammen mit den Vereinen KOSA e.V. (Koordination Südliches Afrika) und KASA e.V. (Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika) ein Seminar im Kontext der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Südafrika konzipiert und durchgeführt. Das mit über 30 Teilnehmenden besuchte zweitägige Seminar in Berlin hat hierbei vor allem die Lieferketten und die Arbeitsbedingungen von Wein, Kohle und Platin näher betrachtet sowie in einem zweiten Teil Fragen eines alternativen Wirtschaftssystems aufgeworfen. Das Seminar wurde finanziell unterstützt aus Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im Rahmen des Förderprogramms Entwicklungspolitische Bildung.

Am ersten Tag fokussierte sich das Seminar auf die konkrete Wirtschaftssituation in Südafrika. Die Teilnehmenden haben sich in zwei Kleingruppen zum einen die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Farmarbeiter*innen der Weinbranche Südafrikas näher angeschaut und sind zum anderen tiefer in den Kohlebergbau und die Energiewirtschaft Südafrikas eingetaucht. Neben der Betrachtung der Verstrickungen verschiedenster Akteure bei aktuellen Kraftwerksprojekten wurde auch das „Massaker von Marikana“ diskutiert, bei dem während eines südafrikanischen Bergarbeiterstreiks im Jahr 2012 34 Bergleute durch Schüsse der Polizei getötet wurden. Südafrikanische Farmarbeiter*innen sind oft abhängig von den Farmbesitzer*innen, müssen bis zu 16 Stunden am Tag arbeiten und wohnen unter unhygienischen, schlechten Bedingungen auf den Farmen.

Im Zusammenhang damit haben die Teilnehmenden über die Idee und Wirkungsweise der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte (Global Compact) diskutiert. Diese stellen die wichtigsten internationalen Standards zu Unternehmensverantwortung und menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten dar und zeigen auf, dass wirtschaftliche Akteure eine Verantwortung und Pflicht zum Menschenrechtsschutz haben. Der Tag wurde dann durch ein lebendiges Interview mit Christian Schliemann vom European Centre for Constitutional and Human Rights (ECCHR) abgerundet, welches allen spannende Einblicke in die praktische Arbeit und in die juristische Durchsetzung von Menschenrechten in einer globalisierten Welt geben konnte.

Während sich der erste Tag des Seminars vor allem mit der aktuellen Situation in unserem Wirtschaftssystem befasste, stand der folgende Tag ganz unter dem Motto Alternativen. Mit Unterstützung von FairBindung setzten sich die Teilnehmenden mit alternativen Überlegungen zum Wirtschaften auseinander. Brauchen wir immer mehr Wachstum, oder ist die „Postwachstumsökonomie“ eine Lösung für die sozialen und ökologischen Probleme unserer Welt?

Die Teilnehmenden haben sich in diesem Zusammenhang mit sogenannten „mentalen Infrastrukturen“ beschäftigt. Dabei handelt es sich um einen vom Sozialpsychologen Harald Welzer geprägten Begriff. Für Welzer sind unsere Vorstellungen von kontinuierlichem Fortschritt, von Wachstum und Entwicklung, die in der Moderne entstanden sind, die zentralen mentalen Infrastrukturen, die uns daran hindern, eine nachhaltige Gesellschaft zu denken und umzusetzen.

Abschließend galt es sich der fast unmöglichen Aufgabe zu widmen, all die behandelten Aspekte in individuelle Handlungsmöglichkeiten zu übersetzen sowie auch den konkreten Blick nach Südafrika, wie bspw. beim Konsum von Wein, mit einzubeziehen. Letztlich gibt es keine Musterlösung, sondern muss sich jede*r selbst über sein Konsumverhalten und seine Lebensweise bewusst werden und daraus eigene Schlüsse ziehen.

Blogartikel

Helena Mia Mölter
Bildungsarbeit Deutschland
helena.moelter@masifunde.de

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